30. März 2016, Gerhard Klocker

Wir treffen täglich ca. 20.000 Entscheidungen. Das ist eine richtige Menge. Wenn man das alles bewusst machen müsste, würden die 24 Stunden täglich nicht reichen. Viele unserer Entscheidungen laufen (zum Glück) automatisch ab – sozusagen im Auto-Pilot-Modus.

Aber wie geht kluges Entscheiden bei Entscheidungen, die nicht im Auto-Pilot laufen?

Entscheiden ist ein Prozess; die Entscheidung selbst ist ein Ereignis in diesem Prozess. Die Gestaltung dieses Prozesses hilft uns die Qualität der Entscheidung zu erhöhen. Aber eine Garantie für die richtige Entscheidung gibt es nicht. Entscheidungen sind immer mit dem Risiko verbunden, dass es vielleicht doch nicht die beste Entscheidung war. Das kann man erst im Nachhinein feststellen.

Noch eine Ergänzung: Die Unterscheidung zwischen Kopf- und Bauchentscheidung gibt es nicht. Es gibt keine Entscheidung ohne „Bauch“. Unsere Entscheidungen sind stets mit einer Körperreaktion, einem Gefühl verbunden – auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. Und: Das Gefühl ist schneller als der Verstand! Also besser gleich beide Ebenen nutzen. Dazu später nochmals.

Lassen Sie uns ein wenig bei den Jesuiten nachfragen, wie sie es machen: Sie haben eine über Jahrhunderte erprobte Vorgehensweise – den Drei-Schritt: Unterscheidung, Entscheidung und Entschiedenheit.1)

Unterscheidung bedeutet herauszufinden, was genau zu entscheiden ist und welche Optionen vorhanden sind. Wenn wir nur JA oder NEIN sagen können, ist unser Entscheidungsspielraum nicht sehr groß. Es gilt einen größeren Blickwinkel anzulegen – think big! Dazu hilft es den Blickwinkel zu wechseln, um aus einer gewissen (Vor-)Fixiertheit aussteigen zu können. Gespräche mit Menschen, die anders denken, können von großem Nutzen sein. Zu dieser Phase der Entscheidungsvorbereitung zählt auch zu prüfen, ob wir schon an einer bestimmten Lösung hängen, ob wir innerlich noch frei („indifferent“) für andere Möglichkeiten und Wege sind – entkoppelt von Vorlieben, Gewohnheiten, Gruppendruck usw.

Nüchterne Abklärungen helfen in diesem Stadium, z.B. Pro-Contra-Listen oder  Gedankenspiele wie „Was würde mir eine mir wichtige Person raten?“ oder die Entscheidung vom Ende des Lebens oder der Aufgabe her denken.

yesno Die Entscheidung selbst besteht in der Bewertung der Optionen: Was ist für mich stimmig? Wenn ich auf einer tieferen Ebene schaue, wie sieht die Beurteilung aus? Es gibt die Geschichte einer Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, die, wenn das Urteil nicht eindeutig war, beide Urteile – den Freispruch und den Schuldspruch – vollinhaltlich und seriös geschrieben hat. Sie ließ die Urteile einige Zeit auf der Seite liegen. Im Laufe der nächsten Tage wurde ihr klar, welches das richtige Urteil war.

Es gibt Entscheidungen, bei denen ich mich mit einem „eher“, „wahrscheinlicher“, „ein wenig mehr“ begnügen muss. In solchen Fällen geht es darum herauszufinden, was passt jetzt oder bei welcher Entscheidung stimmt insgesamt die eingeschlagene Richtung.

Die Beispiele zeigen, dass es auch bei bewusstem und systematischem Entscheiden um die Verbindung mit unseren Emotionen geht. In der Phase der Unterscheidung sollen die Emotionen die Alternativen nicht zu sehr einfärben, d.h. es gilt die Gefühle zu verschiedenen Varianten wahrzunehmen und sich dann wieder davon zu distanzieren. Bei der Entscheidung muss es „stimmig“ sein – gute Balance von Kopf und Bauch – oder die Chance haben, dass es „stimmig“ wird. Hier sind sie wieder – die Gefühle.

Ist die Entscheidung getroffen, gilt es sie mit Entschiedenheit umzusetzen. „Entscheidungen ohne Umsetzung sind Fehlentscheidungen!“ Entscheidungen können zu Enttäuschungen führen, weil nicht alle Erwartungen erfüllt werden. Dann heißt es entsprechend zu kommunizieren, sich einen Plan zusammenzustellen, wer wann wie informiert und einbezogen wird. Die Entschiedenheit ist nicht als Einbahnstraße gemeint. In der Umsetzung der Entscheidung ist immer ein gutes Maß an Flexibilität erforderlich, wenn sich die Umstände stark verändern.

1) Mit bestem Dank an Pater Christian Marte, SJ